„Was hab ich?“ / Freizeit-Helden – Wie man Freiwillige findet und bindet

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Anja Bittner von „Was hab ich?“ und Christian Graf von den Freizeit-Helden beim openTransfer CAMP am 27.9.2014 in Hamburg

 

Eine Frage stellt sich allen Projekten, die wachsen, früher oder später: Wie gewinne ich weitere Ehrenamtliche und wie schaffe ich es, dass sie auch langfristig dabei bleiben? Anja Bittner von „Was hab ich?“ und Christian Graf von den Frankfurter Freizeit-Helden hatten Antworten auf die Fragen.

 

Die Freizeit-Helden aus Frankfurt am Main wollen speziell junge Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren in ein Engagement vermitteln. Dafür werden Projekte auf einer Internet-Plattform eingestellt, die von den registrierten Nutzern übernommen werden können. Die Projekte können unmittelbar starten und in einem überschaubaren Zeitrahmen abgeschlossen werden. Die Erkenntnis der Freizeit-Helden: Langfristiges Vereins-Engagement funktioniert bei der jüngeren Generation nicht mehr. Eine weitere Maxime der Organisation: Sie arbeitet bewusst nur lokal im Raum Frankfurt/Main, auch weil ihnen der persönliche Kontakt zu und unter den Ehrenamtlichen sehr wichtig ist. Es gibt ein Kernteam von vier Personen sowie einen erweiterten Kreis von fünf Leuten, deren Besetzung stärker schwankt.

Das Projekt „Was hab ich?“ funktioniert ebenfalls über eine Internet-Plattform. Hier übersetzen Medizinstudierende schwer verständliche medizinische Befunde für Patienten. Ziel ist es, eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Arzt und Patient zu schaffen. Auch die Studierenden können dabei viel lernen, z. B. wie eine gute Arzt-Patienten-Kommunikation aussieht. Bei „Was hab ich?“ geht es also nicht nur um einen Mehrwert für die Patienten, sondern auch um eine langfristige Qualifikation der angehenden Mediziner.

Seit der Gründung 2011 wurden durch das Projekt 19.912 Befunde übersetzt. 85 Prozent der Nutzer äußerten sich positiv und fühlten sich durch die Übersetzung gestärkt. Für die Übersetzung eines Befundes brauchen die Medizin-Studierenden im Schnitt fünf Stunden. Die Ehrenamtlichen dürfen ab dem 8. Fachsemester mitmachen, was heißt, dass die Zeitspanne des Engagements relativ klein ist. Bisher waren insgesamt 1.068 Mediziner beteiligt, gleichzeitig aktiv sind im Durchschnitt circa 200 Ehrenamtler.

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Anja Bittner, Geschäftsführerin der „Was hab ich?“ gGmbH, und Christian Graf von den Freizeit-Helden erklärten im ersten Teil der Session, wie es ihnen gelungen ist, Ehrenamtliche für ihr Projekt zu finden.

„Was hab ich?“ ist mit gerade einmal zwei Personen gestartet. Nach dem Schneeball-Prinzip haben sich dann aber schnell weitere Aktive gefunden: Jeder Engagierte überzeugte drei weitere. So setzte sich das Wachstum immer weiter fort. Die Verbreitung gelang außerdem durch eine gute Presseresonanz und insbesondere durch Auftritte (gemeinnützige Vereine müssen oft keine Standmieten zahlen) auf studentischen Messen oder Ehrenamtsbörsen. Es zeigte sich, dass der persönliche Kontakt der wichtigste Faktor zur Gewinnung neuer Ehrenamtlicher war. Gleichzeitig ist die Akquise oft der einzige Offline-Kontakt zu einem Engagierten, da das Projekt sonst rein digital abläuft.

Auch die Frankfurter Freizeit-Helden sind klein gestartet, die Verbreitung lief dann vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda. Sie suchten speziell an der Uni nach Mitstreitern und bekamen dort viel Unterstützung für ihr Vorhaben.

Die Frage, „Wie bekommt ihr eure Ehrenamtler?“, wurde nun in die Runde der Sessionteilnehmer gegeben. Der Akquise-Erfolg über Ehrenamtsmessen wurde hier von mehreren Projektmachern bestätigt. Als regionale Variante spielt die Hamburger Aktivoli-Messe eine wichtige Rolle, die allerdings kostenpflichtig ist. Als weitere Instrumente wurden Newsletter, Online-Verbreitung oder ein Eintrag auf der (Zeit-)Spendenplattform betterplace genannt. Die direkte Ansprache, z. B. an Unis oder über persönliche Kontakte wurde ebenfalls als sehr wichtiges Instrument genannt.

Neben den verschiedenen Kanälen, neue Ehrenamtliche anzusprechen, wurde die Art und Weise der Akquise diskutiert. Wichtig ist eine konkrete Beschreibung des Projektes, des Umfangs und der Anforderungen an die ehrenamtlichen Helfer. Außerdem muss deutlich werden, welchen Mehrwert das Ehrenamt bringt. Im besten Fall können konkrete Anreize geschaffen werden, wie z. B. eine Zertifizierung des Engagements, die an anderer Stelle (z. B. im Lebenslauf) eingesetzt werden kann. In jedem Fall ist eine direkte und emotionale Ansprache der Zielgruppe entscheidend. Eine Schwierigkeit wurde darin gesehen, dass nicht bei jeder Tätigkeit ein unmittelbarer Bezug zur Projektarbeit erkennbar ist, z. B. bei einer Bürotätigkeit oder der Spenderbetreuung. Dafür ist es oft schwer, Freiwillige zu finden.

Der zweite Block der Session widmete sich der Frage, wie Freiwillige langfristig gehalten werden können, die sich einmal über eine Plattform engagiert haben. Bindungen schaffen – lautete hier die Antwort von Anja Bittner und Christian Graf. Dies wird zum Beispiel durch die Identifizierung mit dem Projekt geschaffen. Hier bieten Netzwerk-ähnliche Plattformen gute Möglichkeiten, die Ehrenamtlichen in das Projekt zu integrieren und persönliche Kontakte zu schaffen und aufrecht zu erhalten, z. B. durch eine Chatfunktion. Beide Projektmacher betonten, dass eine Software, die den Bedürfnissen des Projektes angepasst ist, entscheidend ist. Die Freizeit-Helden setzen neben dem virtuellen Kontakt außerdem auf die direkte Face-to-face-Begegnung. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass die sozialen Medien trotz aller Kommunikationsmöglichkeiten doch oft nicht persönlich genug sind. Direkte Treffen unter den Ehrenamtlichen hatten den stärksten Bindungsfaktor, weshalb sie regelmäßige „Heldenstammtische“ organisieren.

Für die inhaltliche Bindung sei außerdem die Qualitätssicherung des Projektes entscheidend.

Von den Sessionteilnehmern wurde ergänzt, dass auch beim Engagement das Modell der „ladder of engagement“ wirkungsvoll sei. Es sollten verschiedene Stufen des Engagements angeboten werden: von einem Einstieg auf niedrigem Level über Möglichkeiten der stärkeren Einbeziehung bis hin zum Team-Eintritt. Grundsätzlich sollte man den Leuten immer mehr zutrauen, als man es intuitiv tut. Zu wenig Verantwortung und eine geringe Einbindung ins Projekt können zur Frustration bei den Ehrenamtlichen führen.
Zudem ist es wichtig, die freiwilligen Helfer ihren Kompetenzen entsprechend einzusetzen. Es sei also durchaus lohnend, Zeit für die richtige Passung aufzuwenden.

Als entscheidend für eine längere Bindung wurde die Wertschätzung des ehrenamtlichen Schaffens genannt. Es sollte regelmäßig Danke gesagt werden. Sinnvoll ist es auch, den Ehrenamtlern ein Gefühl von Einzigartigkeit zu geben – ein Punkt, der im Transfer von Projekten oft ein Problem darstellt.

Bei „Was hab ich?“ werden zur Motivation auf der Online-Plattform kleine Auszeichnungen in Form von Badgets vergeben, z. B. der „Ersti-Badget“ für die erste „Übersetzung“ eines Befundes oder ein „Nachtschicht“-Badget, für einen Befund, der in Nachtarbeit entstand. Außerdem werden hier individualisierte Geburtstagsgrüße an alle Ehrenamtlichen verschickt. Ein Vorteil des Projekts liegt aber auch darin, dass die Patienten selber sehr dankbar sind und das auch äußern. Dies ist der größte Ansporn für die Freiwilligen.

Zum Abschluss gab Anja Bittner allen Projektmachern mit auf den Weg, sie sollten nicht frustriert sein, wenn sie Ehrenamtliche verlieren – dies passiert immer wieder und davon sollte man sich nicht herunterziehen lassen. Schließlich sagen 98 Prozent aller Ehrenamtlichen, dass ihr Engagement – ob kurz- oder langfristig – sie weitergebracht hat.

Foto: Milos Djuric

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